Wie ein Bettlaken zum Kleid wurde

„Und sie war die Schönste! Wirklich!“ Ein Rosakleid erzählt Alltagsgeschichte der 1980er-Jahre

Maria Luck bei der Übergabe des Kleides an die Stadtgeschichtliche Sammlung  © Stadtgeschichtliche Sammlung / Jakob Schwichtenberg

Vielen Schwerinern, aber wohl noch mehr Besuchern ist Maria Luck als Stadt- und Schlossführerin bekannt. In den vergangenen 30 Jahren präsentierte sie den Einwohnern und Gästen der Landeshauptstadt ihr Schwerin. Den meisten ihrer Zuhörer sind diese Begegnungen wohl in guter Erinnerung geblieben, manchen vielleicht sogar zu Herzen gegangen. Denn nicht nur faktenreich vermittelte sie die Schweriner Geschichte, sondern gab mit „Dönkens“ ihren Führungen eine besondere Frische. Authentisch wirken daher auch ihre Auftritte in der nachempfundenen Schweriner Tracht. Dass sie diese Robe und ihr vielbewundertes Reifrockkleid für das Schlossfest selbst geschneidert hat, ist nur wenigen bekannt.

Doch auch für besondere familiäre Feste schneiderte Maria Luck eifrig und mit viel Kreativität. Der am 13. März 2019 in der „Schweriner Volkszeitung“ veröffentlichte Aufruf animierte sie schließlich sogar den Museen der Landeshauptstadt Schwerin ein besonderes Stück ihrer Künste zu schenken.

Im Jahr 1984 stand die Jugendweihe einer ihrer Töchter bevor, deren modische Vorstellungen nicht mit dem verfügbaren Warenangebot der Zeit übereinstimmten. Die Konsumwünsche der DDR-Bevölkerung durch die eigene Güterproduktion bzw. durch Importe verbündeter Staaten zu erfüllen wurde im Verlauf der 1970er-Jahre zunehmend schwieriger. Verantwortliche Stellen für die Konsumgüterbeschaffung kalkulierten daher seit Beginn der 1980er-Jahre die aus der Bundesrepublik gesandten Geschenksendungen, insbesondere Damenoberbekleidung und Kaffee, mit in ihre Planungen ein. Entsprechend bedeutungsvoll war der Empfang eines „Westpakets“. Wer diese Sendungen nicht erhielt, musste Einfallsreichtum und Improvisationstalent mitbringen, vor allem für Waren jenseits der täglichen Grundversorgung.

Doch über Kontakte in den „Westen“ verfügte Maria Luck nicht, zumal ihr Mann Leiter eines Betriebes war. Statt eines Kleides fanden Mutter und Tochter bei ihrer gemeinsamen Suche in einem Schweriner Wäschegeschäft ein rosa farbenes Bettlaken. „Und daraus haben wir dann ein Kleid gemacht. Meine Freundin war Schneiderin und schnitt den Stoff professionell zu und ich habe dann alles genäht.“ Maria Luck ist noch immer glücklich und auch etwas stolz auf ihre damalige Arbeit. „Und dann hatten wir noch einen Unterrock dazu. Den hatte ich noch etwas versteift und dadurch bekam das Kleid ein bisschen das Aussehen der 1950er-Jahre.“

Darüber, dass Handarbeiten heute wieder Wertigkeit bekommen, freut sich Maria Luck. „Heute bekommst du alles fertig, aber damals war das anders. Jetzt erinnert man sich wieder und näht wieder mehr. Das finde ich toll!“

Nun kommt das wohlbehütete Kleid in die Sammlung der städtischen Museen. „Wir haben uns damals viel Mühe gegeben und deshalb habe ich es immer aufbewahrt. Und wenn jetzt ‚Improvisationen’ von den Museen gesammelt werden, dann hat es doch einen guten Platz dort.“

Text: Jakob Schwichtenberg

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